Getty Center, Los Angeles
Schon bei unserer ersten Reise nach Los Angeles im vergangenen Jahr stand das Getty Center ganz oben auf meiner Liste. Damals hat es zeitlich nicht gereicht – in diesem Sommer nun endlich der Besuch. Und ich kann sagen: Das Warten hat sich gelohnt.
Hoch über der Stadt, im Stadtteil Brentwood, thront das Getty Center auf einem Hügel und eröffnet einen spektakulären Blick über Los Angeles bis hin zum Pazifik. Der Eintritt in die Ausstellungen und Gärten ist frei – lediglich die Parkgebühr fällt an, wie so oft in Kalifornien.
Bereits die Ankunft ist Teil des Erlebnisses. Vom Parkplatz bringt eine kleine Tram die Besucher:innen im Minutentakt hinauf zum Museumskomplex. Oben angekommen, erwarteten uns Sonnenschirme – zunächst ein Detail, das ich nicht ganz einordnen konnte. Später, auf der weitläufigen Terrasse, die die einzelnen Pavillons miteinander verbindet, wurde klar warum: Das Licht in Los Angeles ist intensiv. An diesem Tag lag es fast greifbar hell über den cremefarbenen Fassaden und ließ die Anlage beinahe surreal leuchten.
Das Getty Center wurde 1997 eröffnet und beherbergt die Sammlung des J. Paul Getty Museum. Der Schwerpunkt liegt auf europäischen Gemälden, Zeichnungen und Fotografie. Zu sehen sind unter anderem Irises von Vincent van Goghsowie Rembrandt Laughing von Rembrandt.
Besonders beeindruckt hat mich die Ausstellung „Queer Lens. A History of Photography“. Sie zeichnet queere Perspektiven in der Fotografie vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach und versammelt über 270 Exponate – darunter Vintage-Prints, Magazine, Bücher und ephemere Objekte. Der Raum „Friends of Dorothy“ bleibt mir besonders im Gedächtnis: salonartig inszeniert, mit über hundert Porträts queerer Persönlichkeiten wie Frida Kahlo und Jean Cocteau. Die Ausstellung versteht sich nicht nur als kunsthistorische Aufarbeitung, sondern auch als Statement zur Geschichte von Sichtbarkeit, Identität und Emanzipation. Sie verbindet Dokumentation und Aktivismus – und ergänzt die fotografische Sammlung des Hauses auf ebenso kluge wie relevante Weise.
Neben der Kunst prägt die Architektur den Aufenthalt entscheidend. Der von Richard Meier entworfene Gebäudekomplex lebt vom warmen Travertinstein, der eine subtile Verbindung zur klassischen europäischen Baukunst herstellt. Klare Linien treffen auf weitläufige Außenräume. Kieswege, Natursteinplatten und sorgfältig angelegte Gartenstrukturen schaffen einen ruhigen Kontrast zur strengen Geometrie der Architektur.
Besonders schön ist das Wechselspiel von Innen und Außen: großflächige Fensterfronten, Wasserspiele, Kakteenbeete und immer wieder diese Ausblicke über die Stadt. Es sind weniger die großen Gesten als vielmehr die durchdachten Details – Licht, Materialität, Wegeführung –, die den Besuch so stimmig machen.
Ebenso sehenswert war die Ausstellung „Lines of Connection: Drawing and Printmaking“. Sie widmet sich der engen Beziehung zwischen Zeichnung und Druckgrafik. In jedem Raum hängen Lupen bereit, die dazu einladen, sich den Werken auf sehr unmittelbare Weise zu nähern. Die bewusst abgedunkelten Räume – zum Schutz der empfindlichen Arbeiten – bilden einen wohltuenden Kontrast zu den hellen, sonnengetränkten Außenflächen.
Gefreut habe ich mich zudem über eine kleine Präsentation zu Artemisia Gentileschi und ihrem Motiv der „Strong Women“. Künstlerinnen erfahren erst seit wenigen Jahren die Aufmerksamkeit, die ihnen kunsthistorisch zusteht. Gerade im heutigen Amerika wirkte diese Hommage an weibliche Stärke besonders bedeutsam.
Das Getty Center war eines meiner Highlights dieses Sommers – ein Ort, der so Vieles für mich verein: Kunst, zurückhaltenden und doch so massive Ästektik, eine einladende Architektur und ein zugängliches Erlebnis. Das war ganz sicher nicht mein letzter Besuch.