Stoke
Die Restaurant-Neuentdeckung der letzten Monate ist für mich das Stoke. Kurz vor Weihnachten war ich das erste Mal dort – und war so begeistert vom handwerklichen Anspruch und den entstehenden Aromen, dass ich umgehend denselben Platz noch einmal reservierte. Dieses Mal mit meinem Vater.
Berlin kennt viele Trends, viele gehypte Orte, an denen sich die immergleiche hippe Crowd versammelt und Reservierungen unmöglich machen. In etwa so hatte ich es auch im Stoke erwartet. Doch was uns empfing, war etwas anderes: Ein warmer Empfang und eine entspannte Selbstverständlichkeit im Service. Und ein Abend, der sich weniger nach Restaurantbesuch, sondern nach kuratiertem Erlebnis anfühlte.
Vielleicht passte es auch deshalb so gut, weil meine Vorfreude auf unsere geplante Japanreise 2026 ohnehin schon groß ist – und weil mich Handwerk und Ästhetik seit jeher faszinieren. Der Fokus im Stoke liegt auf Yakitori. Vom Platz am Chef’s Counter aus lässt sich das Geschehen aus nächster Nähe beobachten: Jeder Spieß wird einzeln über dem Grill zubereitet, mit einer Hingabe und Präzision, die beinahe rituell wirkt. Kein hektisches Treiben, kein lautes Kommandieren – selbst im laufenden Service liegt eine konzentrierte Ruhe in jedem Handgriff. Das Küchenteam agiert wie ein choreografiertes Ensemble.
Serviert wird ein wechselndes Menü; wir entschieden uns für à la carte. Als Pescetarierin ist die Auswahl zugegebenermaßen begrenzt, und der Anblick der Fleischspieße ist nicht für jede:n Vegetarier:in angenehm. Doch alles, was ich probiert habe, habe ich geliebt. Die Spieße kommen einzeln, in der Reihenfolge, in der sie vom Grill bereit sind – als würde der Abend sich nur für dich entfalten. Der Service begleitet jeden Gang, empfiehlt, erklärt, führt durch die Aromen. An der Bar werden passende Drinks gemixt. Unglaublich gut.
Ich bin seit meiner Jugend Vegetarierin. Mein gesamtes kulinarisches Erwachsenenleben ist also fleischlos. Und doch liebe ich den Grill. Ich liebe das Gesellige daran, dass jede und jeder sich nehmen kann, wonach gerade der Sinn steht. Dieses Sich-selbst-Zusammenstellen. Die Bewegung rund um das Feuer. Als Kind haben wir auf Holzkohle gegrillt – und bis heute verbinde ich damit den Duft von Rauch, das Marinieren, das Warten, das gemeinsame Stehen und Teilen. Grillen bringt Dynamik ins Essen; es ist lebendig. Die Liebe für Handwerk und das Grillen habe ich von meinem Vater, deshalb wollte ich unbedingt einen Abend hier mit ihm verbringen. Mein Vater ist absolut kein Fan von Trends und hippen Orten, und doch ist die Idee wunderbar aufgegangen.
Ein Traum war der Salat: schlicht, fast zurückhaltend – und doch feinherb und fruchtig zugleich. Und der King Fish Collar: intensiv, saftig, fantastisch. Bei meinem zweiten Besuch wagte ich mich an die Kartoffel, die ich beim ersten Mal fast überheblich als „zu simpel“ abgetan hatte. Welch Irrtum. Sie war die Überraschung des Abends. Akkordeonartig eingeschnitten, außen kross, innen weich, serviert mit einer Noricreme – geschmacklich so vielschichtig, dass ich noch Tage später daran dachte. Ein absolutes Muss, da waren mein Vater und ich uns sofort einig. Und er mag wirklich kein Chichi.
Das Team ist bemerkenswert herzlich. Wir saßen erneut am Chef’s Counter mit direktem Blick auf Grill und Ofen. Das ruhige, konzentrierte Arbeiten in der offenen Küche bildet einen spannenden Kontrast zum klaren Interior aus Stein, Stahl und Holz. Die Farbpalette ist kühl und reduziert – und doch entsteht durch das Feuer, den Dampf, das präzise Handwerk eine beinahe haptische Wärme. Eine menschliche Seite inmitten der klaren Linien.
Ich liebe alles daran. Das Stoke ist für mich ein Ort, der vieles vereint, was mich begeistert: zurückhaltende Ästhetik, leisen Chic, eine feine, überraschende Küche, eine warme Atmosphäre, Leichtigkeit, die auf Präzision trifft. Herzlichen Service und gute Drinks.
Und es ist mein Ort mit meinem Vater in Berlin – verbunden mit Erinnerungen an den Holzkohlegrill in meiner Kindheit und das stille Glück, gemeinsam am Feuer zu stehen.